Bahn-Blog 005 – Anfahrt nach Kassel-Wilhelmshöhe mit dem PKW, ICE 692 Kassel – Berlin, Fleecepullis und umgekehrte Wagenreihenfolge

Bild: Ferienreisende  im ICE der Bahn

Ferienreisende im ICE der Deutschen Bahn im Sommer 2010

Die Anfahrt von der Fachwerkstadt Melsungen erfolgt im PKW, Mutter und Tochter bringen mich am Sonntagmorgen durchs fein vernebelte nordhessische Bergland ein Stück über die A5 nach Kassel-Wilhelmshöhe. Die Fahrt für 35 km dauert von Haustür zum Bahnhofsvorplatz 40 min. Zum örtlichen Bahnhof hätte es drei Minuten gebraucht. Der Zubringer-Zug der Cantus-Bahn wäre um 11:07 gefahren und planmäßig um 11:32 angekommen, was mir 11 Minuten zum Gleiswechsel gereicht hätte. Seitdem die Regionalbahn in privaten Händen sind, fahren sie kurze Strecken, was Verspätungen vermindert. Früher hatte der D-Zug aus Fulda immer 5 Minuten Verspätung in Melsungen – ein Anschluss in KS-Wilhelmshöhe war immer fraglich. Sei´s drum – diesmal wollte die Kleene ohnehin mit der Oma ins Kasseler Naturkundemuseum.

Der Zug hat 5 Minuten Verspätung, was mir die I-phone App der Bahn 10 Minuten vorher nicht angezeigt hat. Der ICE auf dem Weg von München nach Berlin führt zur immer wiederkehrenden Belustigung (ironisch: Verdruss) aller Bahnreisenden die Wagen in umgekehrter Wagenreihenfolge. Können unsere Märklin-liebenden Siemens-Ingenieure das seit mehreren Jahren auftauchende Problem nicht lösen? Es gibt Software für Ampelanlagen in Großstädten und Aufzügen in Bürohochhäusern, die Stoßzeiten und Verkehrsstromrichtungen minutengenau berücksichtigen, aber die Sitzplatzreservierung der Deutschen Bahn ist seit Jahren eine Katastrophe. Da ich keine Reservierung habe ist mir das genauso Wurscht wie die Wahl zwischen der Espresso genannten Brühe von Kamps (1,75 €) oder Segafredo (2 €).
Apropos Wurscht, ich wollte ja ein bisschen was aus Nordhessen erzählen. Also nach dem ich bis 1981 die Grundschule in Darmstadt besuchte kam ich im gleichen Jahr an die Christian Bitter Schule in Melsungen und begann wenig später bei der MT Melsungen Handball zu spielen. Die spielen jetzt Bundesliga (weit über meinem damaligen Niveau in der A-Jugend) mit einer Mannschaft, die im wesentlichen dem Sponsoring der schon erwähnten B. Braun Melsungen AG zu verdanken ist. Melsungen lag damals im Zonen-Randgebiet, 30 km von der innerdeutschen Grenze mit Todesstreifen quer durch den Wald nach Thüringen. Das nordhessische Bergland wurde als „Hessisch Sibirien“ bezeichnet. Vor dem Krieg gab es in Kassel die Henschel-Werke war so im Krieg deshalb ein beliebtes Bomberziel und wurde nahezu vollständig dem Erdboden gleich gemacht. Henschel wird im Gegensatz zu Märklin und Segafredo von der Microsoft-Office-Word-Rechtschreibprüfung erkannt. Von der alten Residenzstadt des Kurfürsten Wilhelm hörte man alle 11 Jahren anlässlich der weltberühmten Documenta und hin-und wieder wegen Entscheidungen des Bundesarbeitsgerichts. Das sitzt hier gut, denn nach wie vor liegt die Zahl von Arbeitslosen, Hartz IV und Sozialhilfeempfängern insgesamt bei über 25%. Der Region geht es besser, denn sozial Schwache werden hier sofort in die Stadt gemobbt. Es gibt in Kassel noch eine ansehnliche Sammlung alter Meister im Schloss Wilhelmshöhe und das Gebrüder Grimm Museum, denn die hatten hier ihre Wirkungsstädte. Hans Eichel, der Finanzminister der Rot-Grünen Bundesregierung war Oberbürgermeister der Nordhessenmetropole.
In und um der 30km südlichen gelegenen Fachwerkstadt Melsungen und Nordhessen gibt es vor allem Ahle Worscht – eine luftgetrocknete oder geräucherte weiche harte oder abgehangene Schweinswurst strack (gerade) oder rund. „Mach strackenus die Gasse hoa‘“ heißt im dort gesprochenen Dialekt „Gehen Sie immer geradeaus die Straße hoch.“ Ich feierte hier 1990 mit vielen Italienern und Türken (Gastarbeiterkinder hieß die 2. Generation mit Migrationshintergrund noch) die Weltmeisterschaft von Klinsmann, Brehme und Co und verließ die Stadt nach Abitur und Busdeswehr 1992 strackenus zum Studium in Berlin. Gerne bin ich heute noch hier, vor allem zum Wurst einkaufen, zum Eisessen bei den erwähnten Italienern, zum Wandern, wegen des Freibads und zu diversen Ü50-Parties in den Hütten der Sportvereine.
Der ICE 692 des Typs 2 (werde langsam zum Trainspotter) hat heute Morgen um 6.28 Uhr den Münchner Hauptbahnhof verlassen und dampft ein Mal quer durch Deutschland mit vollbesetzten 7 Wagen der 2. Klasse, einemSpeisewagen mit ICE-Board-Restaurant und ICE-Bistro und 4 Wagen der 1. Klasse. Der Zug der ständig ca. 1.000 hauptschlich ferienreisende Fahrgäste mit vielen Koffern, braungebrannten Kinder in kurzen Hosen, Treckingsandalen und Fleecepullis durchs verregnete Deutschland transportiert hat nach 6 Stunden und 11 Stops nur erstaunliche 20 Minuten Verspätung – weniger als 2 Minuten pro Halt – Wäre so was nicht kalkulierbar, damit Reisende mehr Anschlusszüge erreichten?
Mein Endbahnhof ist heute Berlin-Hauptbahnhof und ich habe keine weiteren Termine. Ich checke noch schnell die Verbindungen nach Magdeburg über die Iphone-App der Bahn für morgen, poste diesen Blogentry und lehne ich mich dann zurück, denn da kann eigentlich nichts mehr passieren.

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